Focusing – dem Erlebten auf der Spur

Achtsam hineinspüren ins Innere, annehmen was kommt und benennen was du fühlst – Focusing. Eine Technik um an unbewusstes Material zu gelangen.

Zugegeben, mir fällt die Technik ohne Begleitung schwer. Dann hörte ich eines Tages zur Entspannung Enya und es klappte. Es klappte sogar so gut, dass mein übermächtiger Verstand freiwillig den Rückzug antrat und ich in meine Gefühlswelt eintauchen konnte.

Genauso zufällig wie ich Zugang zu meinem Unterbewusstsein erlangte, entdeckte seinerzeit Eugene Gendlin Focusing. Gendlin war Psychotherapeut und ihn ließ die Frage nicht los, warum manche seiner Patienten besser traumatische Erlebnisse verarbeiten konnten als andere. Daraufhin analysierte er unzählige Patientenakten und Therapiesitzungen und fand den roten Faden.

die innere Schizophrenie

Wenn wir eine traumatische Erfahrung machen, wird diese im Unterbewusstsein anders abgespeichert als im Bewusstsein. Patienten, die in sich hineinspürten, die inneren Bilder zuließen und zu benennen versuchten, hatten schnelleren Therapieerfolg als solche, die nur über die Gefühle sprachen. Konkret beobachtete Gendlin dabei, dass Patienten langsamer sprachen und das Ganze das sich im Inneren abspielte, in Worte zu fassen. Er fand dafür den Begriff „felt sense“, das sich in etwa als gefühltes Begreifen übersetzen lässt.

Vielleicht hast du schon einmal beobachtet, dass ein bestimmter Geruch positive Kindheitserinnerungen in dir hervorruft ohne dass du das genau erklären kannst. Dein Körper entspannt sich, deine Mimik wird freundlicher oder du beginnst sogar zu lächeln. Dabei handelt es sich um positive Verknüpfungen. Auf die gleiche Weise speichert der Körper allerdings auch negative Erfahrungen und traumatische Erlebnisse ab und deine Muskeln verspannen sich bei einem bestimmten Geruch oder einer Melodie.

Würde der Verstand alle Eindrücke abspeichern, wären wir ziemlich schnell wahnsinnig und nicht mehr in der Lage uns auf irgendetwas zu konzentrieren. Deshalb filtert das Gehirn Unwichtiges einfach weg. Nicht so aber das Unterbewusstsein. Hier bleibt alles hängen. Das erkannte auch Gendlin und kam zu dem Schluss, dass alleiniges Reden über Gefühle nichts ändert. Wie denn auch? Dem Verstand ist schließlich vieles nicht bewusst.

Beim Focusing dringt man demzufolge unter die Gefühlsebene ein und fasst die körperliche Resonanz in Worte. Das kann mitunter dauern, weil dieses Hereinbrechen unterschiedlichster Erfahrungen erst einmal geordnet werden muss. Dazu kommt noch, dass Traumata aus gutem Grund in die hintersten Ecken gesperrt wurden: Wenn wir Zugang zu ihnen erlangen, durchleben wir die Erfahrung noch einmal und das ist mit Schmerz und Leid verbunden. Wer will das schon freiwillig.

Hängst du aber in einer festgefahrenen Situation fest oder erlebst immer wieder die gleichen Schwierigkeiten, führt über kurz oder lang kein Weg daran vorbei. Du musst noch einmal in die unangenehme Situation eintauchen. Mit dem Verstand alleine kannst du Denkmuster und falsche Glaubenssätze nicht ändern. Mehr noch: es ist sogar ziemlich schwer, wenn nicht sogar unmöglich, auf der Verstandesebene überhaupt diesen falschen Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen.

Um etwas zu ändern, musst du quasi zum Tatort zurückkehren.

Während des Focusing spürst du intensiv in deinen Körper hinein. Dabei können reale Schmerzen entstehen, mitunter sogar ziemlich heftige. Insbesondere, wenn das zugrundeliegende Erlebnis schwerwiegend war. Das wirbelt einiges an Gefühlen auf.

Verstand als Wächter

Allerdings habe ich bemerkt, dass das Unterbewusstsein durchaus unterscheiden kann zwischen „Ausstieg aus der Komfortzone“ und „Stop: Gefahr“. Gelangt man beim Focusing an ein Trauma heran, ist das mit intensiven Gefühlen und auch Tränen verbunden. Hier steigst du aus der Komfortzone aus.

Kurioserweise scheint der Verstand trotz Arbeit auf der Gefühlsebene trotzdem anwesend zu sein. Hier aber in Person eines Wächters und wenn ein Trauma zu schwerwiegend (zumindest für den Moment) ist, lässt er den Schranken runter und du bist aus dem Focusing raus. Wenn das passiert, ist das nicht mangelnder Erfolg oder eine missglückte Sitzung, sondern ein natürlicher und überaus wichtiger Schutzmechanismus, der vor einer Retraumatisierung schützt.

Wenn du bzw dein Unterbewusstsein aber die Komfortzone verlässt, kann das ein ziemliches AHA-Erlebnis sein. Nämlich dann, wenn du realisierst, welche negativen Denkmuster und Glaubenssätze sich eingeschlichen haben und was dafür verantwortlich ist.

Und genau dieses AHA-Erlebnis ist wertvoll. Denn damit kannst du deine falschen Glaubenssätze zu Grabe tragen.

Ich finde den Focusing Prozess ziemlich befreiend. Vor allem aber führt er dich zu neuen Wegen und löst so manch gordischen Knoten. Mittels Focusing kam ich übrigens dahinter, was sich hinter meiner Abschlussangst verbarg und weshalb ich mein Examen für das Journalistenkolleg ewig vor mir herschob.

Wenn auch du deine gordischen Knoten lösen oder mehr über mentale Techniken wissen willst, schreib mir gerne ein Mail.

Herzlichst, deine Caroline

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.